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200 Jahre Pauluskirche (1812 - 2012)

»Bewegte Baugeschichte eines evangelischen Gotteshauses«

Die evangelische Kirchengemeinde begeht 2012 das 200-Jahr-Jubiläum ihres Gotteshauses. Dieses enthält freilich sowohl ältere wie jüngere Bauteile und hieß 1812 noch nicht „Pauluskirche“. Was ist also zu feiern?

Der erste sichere urkundliche Beleg für eine Kirche in Eppelheim datiert von 1364. Dem späten 15. Jahrhundert dürfte das spitzbogige Westportal des heutigen Kirchturms entstammen; es verrät das Mindestalter des unteren Geschosses. An den Turm schlossen nach Osten Langhaus und Chor an, die zusammen nur wenig länger waren als der Nachfolgerbau breit ist. Die bescheidene Kirche diente 250 Jahre lang – wenn auch mit mehrmaliger, politisch bedingter Unterbrechung – dem reformierten Gottesdienst. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde dafür der Pfarrer von Wieblingen zuständig. 1801 jedoch erhielt die reformierte Gemeinde, zu der damals rund 300 der insgesamt 500 Eppelheimer „Seelen“ zählten, wieder einen eigenen Pfarrer, für den ein stattliches (1965 abgebrochenes) Pfarrhaus an der Ecke Hauptstraße/Seegasse errichtet wurde, und 1811/12 eine weitgehend neue Kirche.

Inneres der evangelischen Kirche nach
Norden, aufgenommen zwischen
1904 und 1930

Von der alten blieb nur der schlichte Turm samt spitzem Pyramidendach stehen; Schiff und Chor wurden durch einen viel geräumigeren, nun nach Norden ausgerichteten und dort dreiseitig geschlossenen flachgedeckten Saal ersetzt. Er bildet mit seinem Walmdach bis heute den Kern unserer Kirche und ein wesentliches Element des Ortsbildes. In West-, Süd- und Ostwand sind je drei lange rundbogige Fenster und – unter jedem Mittelfenster – eine Tür eingelassen. Schauseite ist die parallel zur Hauptstraße verlaufende Südwand mit dem Haupteingang. Im Innern schied eine einzige Stufe das rechteckige Langhaus und das flache Trapez des Chors. Mitten in diesem Raumteil, der sein Licht durch zwei Fenster in den Abseiten empfing, stand der Abendmahlstisch, aber stärker fiel in den Blick der wichtigste liturgische Ort des reformierten Wortgottesdienstes: die an der fensterlosen Stirnwand erhöht angebrachte, über eine steile Treppe zu besteigende hölzerne Kanzel mit Schalldeckel. Sperrige Holzverschläge vor den Abseiten fungierten als Sakristei und als „Logen“ für Pfarrer und Kirchenälteste. Im Langhaus verteilten sich die Bänke ähnlich wie noch heute auf vier durch Längs- und Quergang getrennte Blöcke; den südlichsten Teil des Schiffs überspannte eine Empore mit Orgel. Am Palmsonntag, dem 22. März, 1812 fand der erste Gottesdienst in der neuen Kirche statt, und dieser Termin jährt sich 2012 zum 200. Mal.

Aus dem reformierten Gotteshaus wurde infolge der Union zwischen Lutheranern und Reformierten 1821 das Zentrum der vereinigten evangelischen Gemeinde, der gegenwärtig gut ein Drittel der 15.000 Eppelheimer angehört. Das Kirchengebäude von 1812 wurde von Zeit zu Zeit renoviert, 1895 mit Ofenheizung und 1904 mit neuer Orgel auf erweiterter Empore ausgerüstet, entscheidende Eingriffe in die Substanz aber erfolgten erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem eher lutherisch geprägten Pfarrer Gottlob Hees. Im Jahr der Währungsreform wurde dem Turm anstelle des alten Helms eine offene Glockenstube aus Beton aufgesetzt, um einem Vierergeläut und großen Uhrzifferblättern Platz zu bieten.

Evangelische Kirche von Nordosten,
aufgenommen zwischen 1948 und 1952

1952 wurde der bisherige Chor abgetragen, das Schiff nach Norden verlängert (wobei die Ostwand ein viertes Fenster erhielt) und ein neuer, nun rechteckiger Chor angefügt. Er ist zwar schmaler als das Langhaus, im Boden- und Deckenniveau aber deutlich angehoben und mit Ausstattungsstücken aus Stein versehen: der Kanzel links, der (früher ganz fehlenden) Taufe rechts und dem Altar hinten. An der Westseite führt eine Tür in eine kleine Sakristei, während eine mehrflügelige Osttür es ermöglicht, den Gottesdienst auch vom „Konfirmandensaal“ im gleichzeitig angebauten Gemeindehaus aus zu verfolgen. Große Rundfenster oben in der westlichen und der nördlichen Chorwand wurden (ebenso wie ein Langhausfenster) mit figürlichen Glasbildern geschmückt. 1954 schließlich wurde die Empore erneuert und nahm eine erheblich vergrößerte Orgel mit Hauptwerk, Rückpositiv und separatem Spieltisch auf. Bei ihrer Einweihung am 20. Juni 1954 gab der Landesbischof auf Antrag der Kirchengemeinde dem Gotteshaus den Namen „Pauluskirche“.

Seitdem sind zwei Menschenalter vergangen, die dem Gebäude selbst nur mehr kleinere Veränderungen bescherten: 1967 wurden neue Außentüren eingebaut – die vordere zweiflügelig und in Bronze gegossen, die seitlichen einflügelig und mit Kupferblech verkleidet –, zehn Jahre später die Glockenstube durch Läden verschlossen und die Kanzel „herabgestuft“, 1988/89 die farbliche Fassung der Außen- und Innenwände dem Zustand von 1812 angenähert und das 1953 hinter den Altar gestellte mächtige Holzkreuz verkürzt und an die Chorrückwand gehängt.
Größerem Wandel unterlag die Umgebung der Kirche, zuletzt in den frühen 1990er Jahren durch den Bau eines neuen Gemeindehauses und die Anlage von Hof, Garten, Treppenaufgängen und Parkplätzen.

Joachim Dahlhaus

Fotos Repro: Klaus Preuß